Berlin im Jahr 1898: Das stadtweite Fahrradfahrverbot gehört der Geschichte an, das bisher gebräuchliche Hochradmodell wird vom heute noch gängigen Niederrad verdrängt, und immer mehr Verkehrsteilnehmer satteln um – genau die richtige Zeit für den Unternehmer Julius Straube, seinen Radfahrer-Plan von Berlin herauszubringen.

Zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Zweiradnutzer wies die Karte durch unterschiedliche Farbigkeiten sowohl die Beschaffenheit der Straße als auch nicht nutzbare Abschnitte aus. Rot und Türkis bildeten geräuschloses Pflaster aus Holz oder Asphalt ab, wobei die roten Passagen für nicht zu befahrende Strecken standen. Gelbe und schraffierte Markierungen hoben gutes Steinpflaster hervor, minderwertiger Straßenbelag dagegen war weiß markiert. Einige der zentralen Hauptverkehrsadern Berlins durften Radfahrer gar nicht nutzen, wohl auch, weil der König den Stahlrössern keinerlei Sympathie entgegenbrachte und sie auf den repräsentativen Flaniermeilen der Hauptstadt nicht sehen mochte; das Fahrverbot galt u.a. für die Friedrichstraße, Unter den Linden, die Leipziger und die Rosenthaler Straße sowie einige Abschnitte rund um den Alexanderplatz.

Die Zweiradfahrer bildeten nur eine Zielgruppe von Julius Straubes Plänen: Von Straßenbahnen über Begräbnisstätten bis hin zu Lehrmaterial für Schulen bedienten seine Karten die wachsende Nachfrage in den sich zunehmend differenzierenden Bereichen der modernen Metropole. Straubes innovative Navigationshilfen zeichneten sich vor allem durch Aktualität, Klarheit und Genauigkeit aus und wurden in bester Qualität mehrmals jährlich aktualisiert. Dabei nutzte er die Lithographie, das älteste aller Flachdruckverfahren, das Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt worden war.

Während Straubes kartographisches Werk gut erforscht ist, wissen wir über die Person dahinter nur wenig. Geboren 1832 in Berlin, führte ihn sein Weg über eine militärkartographische Ausbildung zur Gründung seines eigenen Unternehmens Geographisch Lithographische Anstalt von Julius Straube im Jahr 1858, von dem aus der Berliner-Omnibus Fahrplan als eine der ersten Straube-Karten die Werkstatt verließ. Die Firma avancierte dank des gutes Gespürs ihres Gründers und einschlägiger Kontakte zu den preußischen Behörden in den 1870er Jahren zum Marktführer im kartographischen Sektor, indem Straubes Pläne im Großstadtdschungel Orientierung boten.

Berlin im Jahr 2017: Auch als weitgehend etablierter, obgleich nicht immer beliebter Verkehrsteilnehmer bedarf der Radfahrer nach wie vor der Wegweisung im Stadtverkehr. Der Kartenmarkt hat sich weiter spezialisiert und verlagert sich zunehmend in die digitale Welt, in der sich der Stadtplan an jeweilige Nutzeranfragen anpassen lässt und aktuelle Verkehrslagen umgehend angezeigt werden. Doch trotz der immer schnelleren und vielfältigeren Optionen der Navigation stehen wir auch heute bisweilen ratlos an Straßenecken und sind auf die Hilfe von Karten angewiesen, sei es im digitalen oder klassischen Format.

Die ZLB hat den Straube-Plan digitalisiert:
https://digital.zlb.de/viewer/image/16325792/1/LOG_0000/

Diese Geschichte zitieren

“Navigation im Großstadtdschungel: Straubes Neuer Radfahrer-Plan von Berlin ,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed 21. November 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/926.
Straubeplan_gesamt.jpg
1898
Navigation im Großstadtdschungel: Straubes Neuer Radfahrer-Plan von Berlin

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