Als im September 1893 das erste offizielle Damenradrennen Berlins auf der Radrennbahn in Halensee stattfand, ging auch Amalie Rother an den Start – eine Pionierin des Damenradfahrens und eine der ersten Berlinerinnen, die sich aufs Rad wagte. Im Jahr darauf gründete sie zusammen mit sieben weiteren Frauen den ersten Damenradclub Berlins. Es existierten damals zwar schon zahlreiche Radfahrvereine, Frauen aber waren nicht zugelassen; bisweilen duldete man sie, vorzugsweise als Begleiterinnen bei geselligen Spazierfahrten.

Das Radfahren blieb lange eine Männerdomäne. Und auch wenn die Zuschauer auf der Rennbahn in Halensee Amalie Rother und ihren Gefährtinnen zujubelten, spiegelte das keineswegs den Alltag der Radfahrerinnen: Sobald Rother durch die Straßen Berlins fuhr, sah sie sich Anfeindungen ausgesetzt, die nahezu jede Tour zu einer Tortur werden ließen. Und viele Männer verboten ihren Gattinnen das Radfahren gleich ganz. So waren Frauen auf dem Fahrrad um 1900 noch eine Ausnahmeerscheinung.

Damit setzte sich Amalie Rother in ihrem Artikel über „Das Damenradfahren“ auseinander, der 1897 in dem Band Der Radfahrsport in Bild und Wort erschien. Neben zahlreichen männlichen „Fach- und Sportsleuten“ kam sie als einzige Frau zu Wort. Während sich die Herren u.a. mit (versicherungs-)technischen Fragen und der Bedeutung des Fahrrades für den Wehrdienst befassten, schilderte Rother ihre persönlichen Erfahrungen, gab nützliche Tipps für die radfahrende Frau und scheute nicht die kritische Konfrontation. Mit Scharfsinn und Witz nahm sie sich auch der Bekleidungsfrage an, an der sich die Geister schieden:

„Dass das Prinzip Hose ein durchaus vernünftiges ist, dürfte selbst der erbitterte Gegner kaum bestreiten. Die Frau hat genau ebenso viele Beine, wie der Mann, sie bedient sich derselben, besonders beim Radfahren, in genau derselben Weise, sollte also doch eigentlich darauf bedacht sein, sie ebenso praktisch zu bekleiden, d. h. jedem Bein seine eigene Hülle geben, statt beide in eine zu stecken. [...] Es ist nicht Sitte! Richtig! Aber warum sollte es nicht Sitte werden?“

Dass Frauen die Hosen anhaben, galt vielen Zeitgenossen (und Zeitgenossinnen!) als ebenso indiskutabel wie der Verzicht auf das Korsett. Jenseits aller Diskurse um die „naturgegebene“ Geschlechterdichotomie sah Rother es ganz undogmatisch: Praktisch musste die Bekleidung sein, und überkommene Fragen der ‚Schicklichkeit’ verdienten es, lösungsorientiert bedacht zu werden. Eine von Traditionen befreite, pragmatische Sichtweise – nicht zuletzt auf die Mode – könnte Fahrradfahrerinnen auf Berlins Straßen zur Normalität werden lassen. Kein geringeres Ziel verfolgten Amalie Rother und ihre Mitstreiterinnen, als sie in Halensee zum Rennen antraten: „Wir wollten dem Publikum zeigen, dass wir Herrinnen unserer Maschine waren und den Damen zurufen: Hier, seht her und macht es uns nach! Beides ist uns gelungen.“ – In der Tat: Frauen und Mädchen taten es ihnen gleich und eroberten allmählich die Stadt.

Diese Geschichte zitieren

“Eine Herrin ihrer Maschine: Die Fahrradpionierin Amalie Rother,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed 20. Oktober 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/927.
Rother_Reprobuch_400dpi.jpg
ca. 1897
Frau A. Rother – Berlin. "Auf der Tour.", Fotograf unbekannt

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