Seit 1909 war das Sechstagerennen das Berliner Großereignis und ein Magnet für Tausende von Zuschauern. Als erstes europäisches Pendant zu den amerikanischen Sixdays avancierte diese neue Radsportvariante rasch zu einem jährlich stattfindenden, unentbehrlichen Event der modernen Metropole. „Von morgens bis mitternachts ist das Haus voll, und von mitternachts bis morgens ist der Betrieb noch toller“, schrieb Egon Erwin Kisch in seiner berühmten Reportage über das Rennspektakel rund um die „elliptische Tretmühle“, bei dem sich ganz Berlin tummelte.

Auf den billigen Plätzen unterm Dach, dem Heuboden“, drängten sich die einfachen Leute. Dicht an dicht jubelten die Sportbegeisterten auch im Parkett und auf den Tribünen. In den Logen gab sich die Prominenz bei Champagner und Zigarren ein Stelldichein. Sehen und gesehen werden stand bei den Herren im eleganten Frack und den parfümierten Damen nicht selten eher im Vordergrund als das sportliche Ereignis. Schon die Premiere 1909 adelte Kronprinz Wilhelm mit seiner Anwesenheit und machte damit gesellschaftsfähig, was die Presse kurz zuvor noch als „Menschenschinderei“ gebrandmarkt hatte. Pointiert spöttelte der Kabarettist Werner Finck, die Rennfahrer seien das Einzige, was die Veranstaltung störe.

Die sehnigen, verschwitzten Radler leisteten auf der Bahn schier Übermenschliches. Auf dem etwa 150 Meter langen, in den Kurven fast senkrecht aufragenden Holzoval kämpften sie bei rasanten Manövern in unzähligen Runden bis zur totalen Erschöpfung um den Sieg – „ein todernstes, mörderisches Ringelspiel“, notierte Egon Erwin Kisch, bei dem Strecken zurückgelegt wurden, „die ebenso lang sind wie die Diagonalen Europas, wie von Konstantinopel nach London und von Madrid nach Moskau“.

Doch nicht nur auf der Bahn wurde Großartiges geboten. Von musikalischer Untermalung, bestehend aus Militärkapellen und Gesängen der Zuschauer, bis hin zum gastronomischen Angebot an Büffets und Bars fand sich vor Ort alles, was das vergnügungssüchtige Besucherherz begehrte. Die Journalisten und Hallensprecher taten ein Übriges und bereicherten das bunte Treiben mit Interviews, Blitzlichtaufnahmen und Berichterstattungen. Kisch nannte dieses fröhliche, impulsive Nebeneinander, bei dem es nicht immer um den Radrennsport ging, „das Sechstagerennen des Nachtlebens“. Auch wenn die unterschiedlichsten Gründe die Besucher in die Halle führten, trugen sie dann gemeinsam zur einzigartigen Atmosphäre des Events bei: Es wurde gequalmt, gequatscht, gesungen, gegessen, getrunken und sich ordentlich zur Schau gestellt.

Bis die Nazis es 1934 verboten, war das Berliner Sechstagerennen ein Schaufenster der Metropole, und an diese Tradition knüpfte man 1948 im Sportpalast an. Mit dem Wechsel in die Deutschlandhalle verlor es mehr und mehr an Anziehungskraft und stand vor dem Aus. Im Velodrom aber findet es nun erneut sein Publikum und zieht Radsportfans in den Bann – die Legende lebt, und dies sicher nicht zuletzt wegen der Erinnerung an die großen Zeiten.

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“Sechs Tage und Nächte im Holzoval – Radler und Berliner in Ekstase ,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed November 21, 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/928.
Sechstagerennen.jpg
09.10.1960
47. Berliner Sechstagerennen vom 07.10 bis 13.10.1960 in der Deutschlandhalle, Eichkamp (Charlottenburg), Horst Siegmann

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