Die Berliner Morgenpost meldete am 22. April 1956 auf der dritten Seite ihrer Sonntagsausgabe: „Erste Radfahrer mit Führerschein – Zwölf Ritter des Pedals erhielten nach bestandener Prüfung einen Wimpel“. Mit strahlenden Gesichtern hatte am Tag zuvor ein Dutzend Berliner Gören die ersten Führerscheine für Radfahrer entgegengenommen und voller Stolz ihre Wimpel empfangen: Auf weißem Grund mit roter Umrandung zeigt die kleine dreieckige Fahne den Berliner Bären und die Inschrift „Radfahrerprüfung Berlin“. Die Rückseite trägt die schwarz-rot-goldenen Balken der deutschen Flagge. Der von den geprüften jungen Radfahrern am Lenker anzubringende Fahrradwimpel bekundete für jeden sichtbar sichere Fahrkunst und souveräne Kenntnis rund um den Radverkehr.

Der damalige Verkehrssenator Otto Theuner rühmte, diese erste Vergabe von Fahrradführerscheinen sei ein großer Augenblick in der Geschichte der Verkehrserziehung. Vorausgegangen war dem Festakt, bei dem der Senator höchstpersönlich die Verleihung der Fähnchen übernahm, ein siebenstündiger Kursus bei der Verkehrspolizei. Darauf folgten eine theoretische Prüfung und ein praktisches Examen. Ein markanter Merksatz lautete dabei: „Vorsicht ist keine Feigheit, Leichtsinn ist kein Mut.“ Mit dieser Mahnung im Kopf bestritten die Kinder bei der abschließenden Praxisprüfung auf ihren Drahteseln dann rund zweieinhalb Kilometer durch den Berliner Straßenverkehr.

Schüler, die einen solchen Führerschein erwerben wollten, mussten sich an ihren Lehrer wenden. Doch auch Erwachsene durften nach der Anmeldung beim Bezirksamt die kostenlose Teilnahme am Kurs samt Prüfungsbescheinigung und Wimpel beantragen. Im Falle eines groben Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung musste der Wimpel zurückgegeben werden, und in der Radfahrerkarte wurde das Fehlverhalten vermerkt.

Seit 1902 gibt es Verkehrsunterricht an Berliner Schulen, bei dem den Großstadtkindern die Gefahren des sich zunehmend beschleunigenden Verkehrs nähergebracht werden. Mit Hilfe von Merkblättern, Tafelbildern, Plakaten und Brettspielen sollen die Schüler die gefahrlose Orientierung im Großstadtgewimmel lernen. Stets in Zusammenarbeit mit der Verkehrspolizei und Jugendverkehrsschulen ist die Kinderverkehrserziehung, die in der dritten und vierten Klasse den Fokus auf die Radfahrprüfung legt, weiterhin fester Bestandteil des Grundschullehrplans. Ebenso wie die Prüfung ist auch die Wimpelverleihung bis heute bundesweit Tradition. Je nach Bundesland unterscheiden sich die Farben und Motive der kleinen Fahnen.

Neben den Fahrradführerscheinen und Wimpeln wurden im Laufe der Jahre durch Aufkleber, Anstecker und andere Accessoires weitere Anreize geschaffen. Freilich ist nicht jedes Zubehör für Kinderräder eine hart erarbeitete Auszeichnung – die so häufig begegnenden dreieckigen Fahnen in leuchtenden Farben, die an langen Stäben am hinteren Teil des Kinderrads angebracht werden, dienen der erhöhten Sichtbarkeit und sind keine Prämie für die bestandene Fahrradprüfung.

Diese Geschichte zitieren

“Auf die Fahne geschrieben: Fahrradwimpel für kleine Pedalritter ,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed 21. November 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/930.
wimpel.jpg
19.04.1956
Berliner Fahrrad-Wimpel
, Willy Kiel

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