Als am 5. Juni 1977 in West-Berlin die erste Sternfahrt startete, hatte sich der Radverkehr in der geteilten Stadt gerade von seinem historischen Tiefpunkt erholt: Ab 1952 war die Zahl der Radfahrer auf den Straßen stetig gesunken und nahm erst in den frühen 70er-Jahren wieder Schwung auf.

Seit das Fahrrad als Verkehrsmittel wieder an Attraktivität gewonnen hat, beteiligen sich immer mehr Menschen an der jährlichen Fahrraddemonstration, die mit bis zu 90 Routen durch ganz Berlin zum Großen Stern führt und seit 1995 beim Umweltfestival am Brandenburger Tor endet. Vielen ist dabei wahrscheinlich gar nicht mehr bewusst, welche politische Brisanz die ersten Sternfahrten besaßen.

Angesichts der Ölkrise und eines wachsenden Umweltbewusstseins fanden Ideen der Nachhaltigkeit allmählich Eingang in den öffentlichen Diskurs und prägten auch auf lokaler Ebene die politischen Auseinandersetzungen. So richteten sich die Forderungen der Demonstranten damals gegen Bestrebungen des Senates, mit dem Konzept der autogerechten Stadt die Infrastrukturen für den motorisierten Individualverkehr auszuweiten. Der geplante Bau einer Stadtautobahn quer durch West-Berlin gab den Anlass, gegen die Dominanz der Autofahrer zu protestieren, die Gleichberechtigung der Radfahrer als ebenbürtige Verkehrsteilnehmer einzufordern und das Fahrrad als umweltfreundliches Verkehrsmittel wieder populär zu machen.

Bis heute besteht eine Besonderheit darin, dass die Demonstration über einen Teilabschnitt der Stadtautobahn vom Britzer- bis zum Sachsendamm fährt. Gerade dieser Teil der Demo war in den ersten Jahren Anlass für hitzige Auseinandersetzungen: Die Veranstalter mussten Jahr für Jahr das Recht, den Abschnitt befahren zu dürfen, gegen das Verbot der Polizei per Eilentscheidung des Gerichts einfordern. Heute ist der Autobahnabschnitt längst traditioneller Teil der Route. Einige der Altvorderen, die schon 1977 dabei waren, kritisieren, die Demo habe als “reine Schönwetterfahrt” zunehmend an politischer Sprengkraft verloren. Dies ist freilich nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Demonstrationen über die Jahre schon einiges bewirkt haben und die Präsenz der Radler im Straßenverkehr mittlerweile selbstverständlich ist. Andere Proteste, wie etwa die Critical Mass Berlin, knüpfen an die einstigen Auseinandersetzungen um einen fahrradfreundlichen Verkehr an und verstehen ihre Fahrten als politische Artikulation.

Solidarische Verkehrspolitik bleibt in Berlin also weiterhin ein Thema. Aktuell fordern Initiativen wie die zum Volksentscheid Fahrrad ein “Gesetz zur Förderung des Radverkehrs in Berlin (RadG)”. Und schließlich: das in der Politik und den Medien breit diskutierte der Radbahn, das die Nutzung des Raums unter den Viadukten der U-Bahnlinien 1 und 2 als Fahrradschnellwege realisieren will, zeigt, dass sich aus den einst defensiven Positionen der ersten Fahrraddemos eine selbstbewusste Bewegung geformt hat, die im verkehrspolitischen Diskurs große eigene Visionen präsentiert.

Diese Geschichte zitieren

“Die Berliner Sternfahrt – Vom Politikum zum Traditionsevent,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed 21. November 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/934.
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29.09.2017
Der Große Stern, Lisa Braun

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