Angesichts der Fülle von Radkarten, die über die schönsten Touren in und um Berlin informieren, scheint es zunächst keine Besonderheit zu sein, auch ältere West-Berliner Exemplare in die Hände zu bekommen, auf denen sich der Ost-Teil der Stadt noch durch eine weiße, unkartierte Fläche gegen den Westen abhebt. Wer jedoch mit Norbert Rheinländer spricht, einem Herausgeber der sogenannten Totenkopf-Atlanten und Urgestein der Westberliner Radlerszene, merkt schnell, welche besondere Rolle die zwischen 1971 und 1979 erschienenen Ausgaben von FahrRad in Berlin. Berlin Atlas für Fahrradfahrer in der Berliner Radler-Protestkultur gespielt haben.

Rheinländer war eines der Gründungsmitglieder, als sich 1974 in Berlin-Schöneberg die Bürgerinitiative Westtangente formierte: Der Zusammenschluss von Anwohnern wehrte sich gegen die Pläne des Berliner Senats, die Stadt mit drastischen Eingriffen in das bestehende Stadtgefüge ganz und gar autogerecht zu gestalten. Dass von diesem zunehmend umstrittenen Flächennutzungsplan am Ende nur das Schöneberger Kreuz und ein Abschnitt der heutigen Bundesautobahn 103 zwischen Birkbuschstraße und Sachsendamm realisiert wurden, lässt sich unmittelbar auf das Engagement der Bürgerinitiative zurückführen, das sich jedoch, so betont Norbert Rheinländer, nicht auf den Protest gegen die Westtangente beschränkte: “Wir wollten bewirken, dass die Radkultur wieder an Aufschwung gewinnt! Und wir wussten ziemlich genau, was wir brauchten: entsprechende Fahrradwege, eine gute Planung und konsequent ermutigende Infos für die Radfahrer.”

Das Fahrradfahren sollte zu einem politischen Statement werden. Zwischen 1952 und 1979 war der Radverkehr in West-Berlin um 90 Prozent gesunken – den Drahtesel als Fortbewegungsmittel fand kaum noch jemand attraktiv. Das wollten die Herausgeber der Totenkopf-Atlanten ändern: Deren ausklappbare Straßenkarten wiesen alternative Fahrradstrecken jenseits der vielspurigen Hauptstraßen mit grünen Linien als gut befahrbar aus – grün gepunktete Linien dagegen markierten schlechtes Pflaster – und kennzeichneten riskante Kreuzungen mit den legendären blauen Totenköpfen, die den Atlanten ihren umgangssprachlichen Namen gaben.

Neben den Stadtplänen boten die Broschüren Tipps zur Pflege des Rades sowie allgemeine Verhaltensregeln für ein sicheres, selbstbewusstes Fahren. Und Spaß machen sollte die Eroberung der Stadt mit dem Fahrrad natürlich auch: Jedem Heft sind auf Faltkarten verschiedene Touren beigefügt, die eine thematisch breite Auswahl von Ausflügen durch die Stadt vorstellen, von der Innenstadt-Tour über Stätten der Arbeiterbewegung bis zu Sehnsucht nach Italien. So gaben die Atlanten maßgebliche Impulse, dem Fahrrad in Berlin wieder mehr Raum zu verschaffen. Sie lieferten Informationen über die gegenwärtige Situation, appellierten an Polizei und Ämter, sich der gefährlichen Abschnitte anzunehmen, und förderten die Solidarität unter den Radlern, weiter für eine fahrradfreundliche, lebenswertere Stadt zu kämpfen.

Diese Geschichte zitieren

“Mehr als nur Radkarten: Die Berliner “Totenkopf-Atlanten”,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed 21. November 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/935.
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29.09.2017
Ausschnitt aus den "Totenkopfatlanten", Lisa Braun

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