Man sieht sie nicht oft, aber doch immer häufiger an Berlins Straßen: weiß lackierte Fahrräder, die an tödlich verunglückte Radfahrer_innen erinnern. Ein kleines Schild informiert den Betrachter darüber, ob das Opfer männlich oder weiblich war, wie alt es wurde und wann es zu dem tödlichen Unfall kam.

Die Idee dazu stammt aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri, wo 2003 das erste „Ghost Bike“ aufgestellt wurde. Inzwischen findet man die weiß lackierten Räder in zahlreichen Städten weltweit. 2009 stellte der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V., die ersten Geisterräder in Berlin auf. Ähnlich wie Unfallkreuze bezeichnen sie die Stelle, an der ein Menschenleben abrupt endete. Christine Aka rückte dieses Phänomen in den Fokus ihrer Habilitationsschrift Unfallkreuze. Trauerorte am Straßenrand und bewertet die Markierungen im öffentlichen Raum als spezielle Stätten der Erinnerung: „Ein Unfallort ist trotz seiner individuellen Bedeutung aber immer auch ein öffentlich gemachter Ort für kollektive Erinnerungen. Indem die Trauernden den Ort markieren, versuchen sie aus einer individuellen Erinnerung eine kollektive zu machen.“

Während das Aufstellen von Unfallkreuzen bereits eine lange, von den Behörden weitgehend geduldete Tradition besitzt, handelt es sich bei den Geisterrädern um ein relativ junges Phänomen – sie fungieren als Mahnmale, die daran erinnern sollen, dass das Radfahren vielerorts nach wie vor gefährlich ist: Allein 2016 verloren 17 Radfahrer_innen im Berliner Straßenverkehr ihr Leben; 2017 – im Jahr, da das Fahrrad seinen 200. Geburtstag feiert – verunglückten bislang sieben Menschen tödlich. Seit 2015 gibt auch der Ride of Silence Raum für kollektive Trauer in der Öffentlichkeit. Immer am dritten Mittwoch im Mai treffen sich überwiegend weiß gekleidete Radfahrer_innen zum Gedenken an die Opfer. Der stille Demonstrationszug passiert dann viele der durch die Geisterräder gekennzeichneten Unfallstellen in der Stadt.

Bestimmten das Leitbild der autogerechten Stadt und das Ideal der unbeschränkten motorisierten Mobilität unter dem Motto „Freie Fahrt für freie Bürger!“ über Jahrzehnte die verkehrspolitischen Entscheidungen, haben mittlerweile verschiedene Initiativen und Fahrradclubs eine Bewusstseinsänderung innerhalb der Berliner Bevölkerung herbeigeführt – aus einer autogerechten soll eine fahrradfreundlichere, mit sicheren Radwegen ausgestattete Stadt werden. So ist aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement einzelner inzwischen große Politik geworden: Mit dem Nationalen Radverkehrsplan 2020 will das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur nun den Ausbau lokaler Fahrradinfrastrukturen fördern.

Wurden Verkehrstote für den vermeintlichen Fortschritt des motorisierten Individualverkehrs weithin billigend in Kauf genommen, besteht nun Anlass zur Hoffnung, dass die Zahl der im Straßenverkehr verunglückten Radfahrer_innen mit dem Ausbau der Radwege zurückgeht und künftig keine Geisterräder mehr aufgestellt werden müssen.

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“Geisterräder: Erinnerung und Mahnung am Straßenrand ,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed November 21, 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/936.
Geisterrad.JPG
29.09.2017
Geisterrad in der Straße des 17. Juni, Josephin Meistring

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