Richard Paulick dachte in großen Maßstäben. Bekannt als Chefarchitekt von Halle-Neustadt, war er in Berlin zuvor mit dem Block C-Nord in der Stalinallee, später Karl-Marx-Allee, Ecke Koppenstraße beauftragt. Think Big! Monumental und pompös wie ein Palast wirkt der Bau bis heute – primär als Wohnkomplex geplant, entstanden im Erdgeschoss auch Geschäfte mit vorrangig hochwertigem Sortiment.

Die Stalinallee als Prachtboulevard galt lange Zeit als das Aushängeschild sozialistischer Leistungsfähigkeit, die stets mit dem westdeutschen ‚Wirtschaftswunder’ konkurrierte. Walter Ulbricht wollte „die Überlegenheit des Sozialismus beweisen [...] nicht mit irgendwelchen Gebrauchsgütern, mit Schund, mit Überplanbeständen, sondern mit Waren, die hohen Gebrauchswert besitzen, die schön und geschmackvoll sind, die der arbeitende Mensch mit Freude kauft und benutzt.“ Auf attraktive Konsumgüter verlagerte das Zentralkomitee der SED also ab Mitte der 1950er-Jahre mit seinen Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgung die Produktion.

Diese Umstellung beförderte u.a. die Fahrradindustrie, die ab 1953 in Paulicks Block C-Nord mit einer HO-Spezialverkaufsstelle für Motor- und Fahrräder vertreten war. Zur Veranschaulichung der verbesserten Konsummöglichkeiten veröffentlichte die Agentur ADN-Zentralbild 1956 ein Foto von Familie Großkopf aus Angermünde. „Das wäre das richtigste, was?“, ließ die Bildbeischrift Frau Großkopf beim Kauf des neuen VEB Elite-Diamant-Damenfahrrads beglückt ausrufen. Als Unterabteilung des staatseigenen Allgemeinen Deutschen Nachrichtendiensts (ADN) der DDR transportierte die Agentur ADN-Zentralbild die offizielle Sicht der SED-Führung in das Alltagsleben und propagierte die sozialistische Systemdominanz nach innen wie nach außen.

Schwachstellen der Versorgung waren jedoch unschwer auszumachen. So übertraf der Preis des abgebildeten Fahrrads mit 465,- Mark das durchschnittliche Monatseinkommen eines DDR-Bürgers, das 1955 bei 432,- Mark lag. Auch der eher zweifelhafte Ruf der Fahrräder fügte sich nicht in das vom ADN verbreitete Bild – hinter vorgehaltener Hand spottete man: „Diamant ist weltbekannt und wird im Ausland Schrott genannt“. Die mangelhafte Verarbeitung sorgte mitunter für eine kurze Lebensdauer des Drahtesels. Zudem vernachlässigte die Neuausrichtung der Wirtschaft auf ein höherwertiges Angebot den Bedarf an schlichteren Alltagsgegenständen wie z.B. Dosenöffnern, Eierbechern oder Schuhanziehern.

Die Diskrepanz zwischen dem Anspruch, „die Warenproduktion mit den Bedürfnissen in Übereinstimmung zu bringen“, und der Realität des dürftigen Angebots war für die SED-Führung trotz der ADN-Werbekampagnen kaum zu überdecken. Wer sich überhaupt zu den glücklichen Besitzern eines neuen Stahlrosses zählen konnte, musste seinem Rad einiges an Vertrauen entgegenbringen und war am Ende doch nicht davor gefeit, mit zerbrochenem Rahmen und blauen Flecken einer weiteren Rede Walter Ulbrichts über die Versorgung der DDR-Bürger „auf Weltniveau“ zu lauschen.

Diese Geschichte zitieren

“Von Eierbechern und Stahlrössern - Marketing in der DDR,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed 21. November 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/939.
groskopf.jpg
16. Mai 1956
Diamant-Fahrräder stark gefragt, Krüger

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