Als „Fach-Blatt für die Gesamt-Interessen des deutschen Velocipeden-Sports“ erschien im August 1881 die erste deutsche Radsportzeitschrift: Das Velociped. Zu Beginn eines jeden Monats konnte der Fahrradfreund die Zeitschrift für 50 Pfennige erwerben. Zum Vergleich: ein Laib Brot kostete damals etwa 25 Pfennige. Das von der Redaktion ausdrücklich erwünschte halbjährliche Abonnement erhielt man für zwei Mark inklusive Porto. Die Dauerbestellung hatte ihre Berechtigung, denn der Radsport steckte in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen, so dass die Auflagenzahlen nur schwer zu kalkulieren waren. Die Zeitschrift richtete sich an Amateure und Profisportler und wollte die deutschen Velocipedisten besser vernetzen.

Die einführenden Worte einer jeden Ausgabe waren stets Thomas Henry Sumpter Walker vorbehalten, unter Radsportlern bekannt als T. H. S. Walker. Der junge Brite war Herausgeber und Redakteur des Velocipeden. Als Fahrradenthusiast, Gründer des ersten Berliner Radsportvereins und Organisator zahlreicher Radrennen verfolgte er das ehrgeizige Ziel, den Radsport in Deutschland zu etablieren. Auf der ersten Seite seiner Zeitschrift tat er Neuigkeiten sowie persönliche Gedanken zu aktuellen Geschehnissen aus der Welt des Fahrrads kund.

Nachrichten aus den nationalen Radsportclubs und -verbänden zählten ebenso zum Inhalt der Zeitschrift wie die Berichterstattung aus dem Ausland. Leserbriefe als Stellungnahmen zu Artikeln vergangener Ausgaben wurden abgedruckt, Stars der Szene porträtiert und natürlich Touren und Wettfahrten angekündigt. Aus Berlin erfuhr man etwa, dass ein Herr Dumstrey am 10. Dezember 1881 „in 7,5 Stunden bei kaltem Wetter und guten Wegen" 75 Kilometer von Spandau nach Neuruppin geradelt war, und bekam auch gleich eine Restaurantempfehlung und Besichtigungstipps für das Streckenziel. Für die Fans des neuen Fortbewegungsmittels waren derartige Informationen von großer Bedeutung, denn sie boten damals eine der wenigen Möglichkeiten, sich über lohnenswerte Touren zu informieren.

Auch die Werbung kam nicht zu kurz, wobei die Grenzen zwischen redaktionellen Beiträgen und Werbeanzeigen bisweilen verschwammen: Erstaunlicherweise waren einige der beworbenen Artikel über die Privatadresse des Herausgebers zu beziehen. Ob Walker hier ein besonderes unternehmerisches Geschick an den Tag legte oder die deutschen Fahrradfreunde einfach auf dem kürzesten Weg mit attraktiven neuen Produkten versorgen wollte, läßt sich nicht mehr herausfinden.

Andere Anzeigen warben für „Bicycle Handschuhe mit Patentfedern“, Velocipeden-Hemden vom königlichen Hoflieferanten W. Wolffenstein oder empfahlen Mr. Burckard, der seine Dienste als Englisch- und Deutschlehrer anbot. Die Tüftler der Lesergemeinschaft wurden auf die Kanzlei der Ingenieure und Patentanwälte Brandt & Nawrocki in der Leipziger Straße aufmerksam gemacht – das lag nahe, denn rund um das neue Sportgerät gab es noch viel zu erfinden und zu entwickeln.

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“Startschuss in Berlin: Das Velociped als erste Fahrradzeitschrift Deutschlands,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed November 21, 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/947.
Velo Titelblatt.jpg
1. März 1883
Das Velociped. Titelblatt der Ausgabe vom 1. März 1883.

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