Berlin ist mit S- und Regionalbahnen bekanntermaßen ausgesprochen dicht vernetzt, und die Hauptstädter nutzen den Schienennahverkehr gerne. Die weitläufig ausgebaute Infrastruktur der Bahn ermöglicht das tägliche Pendeln auch über größere Distanzen – sogar über Bundeslandgrenzen hinweg – genauso wie die bequeme Fahrt etwa vom Bahnhof Birkenstein nach Friedrichshain. Um aber überhaupt erst zum Bahnhof zu gelangen oder gar am Zielort weiterhin flexibel und mobil zu bleiben, ist das Fahrrad ein unersetzlicher Begleiter. Von „Intermodalität“ ist die Rede, wenn für eine Strecke verschiedene Verkehrsmittel genutzt werden.

Doch hier sehen sich die motivierten Pedalritter mit der schmerzlichen Erkenntnis konfrontiert, dass sie nicht bloß auf der Straße, sondern auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln oft lediglich die ungeliebten Beifahrer sind. Denn dort, wo in den Zügen Abstellmöglichkeiten für Fahrräder bestehen, rauben die Drahtesel anderen Passagieren Platz und potenzielle Sitzgelegenheiten. Also wird das „Bahnhofsrad“, das man an der Station abstellt, zum täglichen Begleiter, und so auch der Kampf um einen der begehrten Fahrradständer an den Berliner Großbahnhöfen.

Radfahrer haben es nicht leicht – zu dieser Erkenntnis ist auch der Deutsche Bundestag bereits gelangt. Deshalb beschloss er 2002 den ersten Nationalen Radverkehrsplan. 2012 wurde als dessen Erweiterung der „NRVP 2020“ auf den Weg gebracht, der durch staatliche Gelder auf kommunaler Ebene verstärkt lokale Fahrradinfrastrukturen entwickeln und fördern soll. Im Kapitel ‚Verknüpfung mit anderen Verkehrsmitteln’ des „NRVP 2020“ bestätigt die Untersuchung, was die Berliner längst wissen: die Fahrradmitnahme in Zügen ist aufgrund geringer Kapazitäten nur begrenzt möglich, und auch die Züge selbst sind für Ross und Reiter nicht selten schwer zugänglich. Zudem mangelt es vor den Bahnhöfen an Abstellmöglichkeiten, die den Rädern Schutz vor Diebstahl und Witterung bieten.

Bei der Suche nach Lösungen lohnt ein Blick nach Nordrhein-Westfalen. Nach niederländischem Muster existieren hier bereits knapp 70 Fahrradparkhäuser, die das überdachte und überwachte Abstellen von Rädern an Bahnhöfen ermöglichen. Auch die Parkhäuser in Bernau und Potsdam könnten als Vorbilder für Berlin dienen. Finanziert durch Stadt, Land und Fördergelder des Bundes konnten 2013 in Bernau und 2015 in Potsdam entsprechende Räumlichkeiten realisiert werden. In Bernau stehen fast alle der 566 Stellplätze frei zugänglich und kostenlos zur Verfügung. Die Radstation in Potsdam wird von einem ortsansässigen Unternehmen bewirtschaftet und organisiert. Gegen eine geringe Gebühr kann hier auf einem der 557 Stellplätze geparkt werden. Darüber hinaus finden sich weitere Serviceangebote wie Fahrradreparaturen und -verleih.

Beide Beispiele zeigen, dass unmittelbar vor den Toren der Stadt zumindest in Ansätzen bereits verwirklicht wurde, wovon die Berliner bislang immer noch bloß träumen können.

Diese Geschichte zitieren

“Abstellen oder mitnehmen – keine Lösungen für Berlin? ,” Berliner Grossstadtgeschichten, accessed 21. November 2017, http://grossstadtgeschichten-berlin.de/items/show/948.
Bild NRVP2.jpg
2017
Abstellen oder mitnehmen – keine Lösungen für Berlin? , Sebastian Gießel

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